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Intensivstation Krankenhaus

Symbolbild: Michael Bührke / pixelio.de

Corona-Alltag im Spital: "Wir können nicht mehr!"

Krankenpfleger, Sanitäter, Altenpfleger und Küchenmitarbeiter schildern, wie sie Tag für Tag gegen die Corona-Krise kämpfen. Und gegen den eigenen Zusammenbruch.

"Die Pflege wird seit Jahren im Stich gelassen“, "wir haben immer mehr Arbeit und immer weniger Personal“, "der Tod ist unser ständiger Begleiter“. Das sind Stimmen von Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern, die die Folgen der Corona-Pandemie hautnah miterleben. Jeden Tag  Seit eineinhalb Jahren. In Krankenhäusern, in der mobilen Pflege, im Rettungsdienst.

Und es ist kein Ende in Sicht. Ganz im Gegenteil. Die Corona-Lage in Oberösterreich wird immer dramatischer: 645 Menschen liegen mit Covid-19 im Spital, 106 davon kämpfen auf einer Intensivstation um ihr Leben. Dazu gibt’s heute 4.423 Neuinfektionen – so viele wie noch nie zuvor.

Die Situation in den Spitälern, aber auch in den Seniorenheimen, in der mobilen Pflege und im Rettungsdienst ist dramatisch. Tausende Beschäftigte kämpfen jeden Tag mit aller Kraft gegen die Folgen der Pandemie. Und viele von ihnen können nach mehr als eineinhalb Jahren Corona-Ausnahmezustand einfach nicht mehr.

Die körperliche Belastung und der psychische Druck sind kaum mehr auszuhalten. Und massiver Druck kommt offenbar auch von den Arbeitgebern: Denn Mit uns über den alltäglichen Wahnsinn in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und Rettungswagen in Oberösterreich zu sprechen traut sich niemand. Aus Angst, erkannt und dann gemaßregelt zu werden.

Viele Life-Radio-Hörerinnen und Hörer haben aber auf unseren Aufruf in den Sozialen Medien von heute Vormittag reagiert und uns schriftlich ihre Eindrücke geschildert. Unter Zusicherung von absoluter Anonymität. Wir kennen die richtigen Namen der Augenzeugen, haben hier aber ihre Vornamen verändert, um sie vor möglichen Sanktionen zu schützen.

Verzweifelte und total erschöpfte Altenpflegerinnen, Sanitäter, Krankenpfleger und Mitarbeiter in Spitalsküchen aus allen Teilen Oberösterreichs haben uns geschrieben und berichten von ihrem Alltag. Fünf Geschichten, die einem nahe gehen, Gänsehaut verursachen und sehr, sehr nachdenklich stimmen.

Die Krankenschwester auf der Intensivstation

„Wenn Kinder weinend vor der Glasscheibe stehen, wenn die Zeit fehlt um Angehörige zu begleiten, wenn Maschinen alarmieren und du machtlos daneben stehst...“ Das schreibt uns Martina. Sie arbeitet in einer Linzer Intensivstation und kommt gerade aus einem 12-Stunden-Dienst. Ein ganzer Tag in Schutzkleidung, umgeben von schwerstkranken Menschen, von Sterbenden. „Wenn du versuchst mit der richtigen Medikamentendosierung den Menschen die Todesangst zu nehmen, wenn du den Überlebenskampf hautnah miterlebst, wenn der Tod dein ständiger Begleiter ist ... dann arbeitest du als Intensivpflegerin auf der Covid-Station, schildert uns die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Linz. Den ganzen Text findet ihr am Ende dieses Artikels.

Das sind die akuten, die unmittelbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie, die die Krankenhäuser jeden Tag voller werden lässt und dem Personal alles abverlangt. Aber die Lage in den Spitälern und Pflegeheimen ist schon seit Jahren prekär und wird immer schlechter. Auch ohne Corona.

Der Krankenpfleger 

„Es gibt schon seit Jahren zu wenig Personal, er wird rationalisiert, optimiert, der Personalschlüssel heruntergefahren, es wird nichts in die Ausbildung neuer Kollegen, geschweige denn in die Psychohygiene bestehender Kollegen investiert, die Pflege wird seit Jahren im Stich gelassen, nach dem Motto ‚geht jo eh nu‘“, schildert uns Patrick, der im Pflegebereich arbeitet. Und die Zukunftsaussichten sind düster: „Der Pflegenotstand kommt nicht, er ist schon da! Wenn es jetzt schon zu wenig Fachkräfte gibt, sich mehr als 50 Prozent mit einem Berufswechsel beschäftigen, und es sich keiner mehr antut, diesen Beruf zu erlernen, hallo?“, schreibt der Krankenpfleger.

Der Mitarbeiter in einer Spitalsküche

Aber es sind nicht nur die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger auf den Covid-Stationen, die den allgemeinen Personalmangel und die Auswirkungen der Corona-Pandemie tagtäglich hautnah zu spüren bekommen. Auch Reinigungskräfte, Sicherheitspersonal und Küchenmitarbeiter arbeiten bis zur völligen Erschöpfung. „Die Einsparungen der letzten Jahre im Krankenhaus-Sektor haben auch uns schwer getroffen. Wir müssen mit immer weniger Personal die immer größer werdende Arbeit stemmen. Offene Stellen können nicht nachbesetzt werden, weil niemand mehr in der Gastronomie arbeiten will“, erzählt Klaus, der in Linz in einer Krankenhausküche arbeitet.

Zehn Stunden am Tag müssen die Menschen dort in der heißen und feuchten Umgebung FFP2-Masken tragen. Pausen, in denen man sie einmal kurz abnehmen kann, um durchzuschnaufen sind derzeit nicht drin. Und auch krank zu sein können sich die Mitarbeiter in der Spitalsküche kaum erlauben: „Wenn man an Corona erkrankt, heißt es schnell freitesten, damit man sofort wieder arbeiten kann. Wie es uns geht, interessiert niemand, Hauptsache, die Patienten erhalten ihr Essen“, schildert uns Klaus.

Ihn regt besonders auf, dass die Krankenhausmitarbeiter gerade einem 500 Euro Corona-Bonus bekommen. Das sei „lächerlich“ angesichts der täglichen Belastung. Und die Küchenmitarbeiter werden wohl nicht einmal das bekommen. Denn sie hätten ja keinen direkten Patientenkontakt, wird ihnen erklärt. Klaus ist wütend: „Wir werden gerade systematisch ausgebrannt, aber mit uns kann man es ja machen.“

Die mobile Altenpflegerin

Auch wenn die überfüllten Krankenhäuser derzeit im Fokus der Aufmerksamkeit stehen: Den Tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der mobilen Pflege geht es nicht besser als ihren Kolleginnen und Kollegen. „Unsere Arbeit geht oft unter. Wir waren zum Beispiel die letzten, die Schutzbekleidung bekommen haben. Wir sind leider auch die letzten, die informiert werden, wenn jemand von unseren Klienten oder deren Angehörigen positiv getestet wurde“, berichtet Sonja, die seit zehn Jahren in der mobilen Pflege arbeitet.

Einen Corona-Bonus habe sie bekommen, ja. Aber nur einmal in den letzten eineinhalb Jahren. Und vielen ihrer Kolleginnen sei er gekürzt worden, weil sie nicht die volle Stundenzahl gearbeitet haben. Der Bonus sei sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein „Es gehört allen im Pflegeberuf ohne Wenn und Aber mehr bezahlt. Wir sind ständig physisch und psychisch gefordert. Wir gehören meiner Meinung nach auch du den Schwerstarbeitern“, schreibt die Mitarbeiterin in der mobilen Pflege.

Sie ärgert sich auch über die mangelnde Wertschätzung für ihren Beruf: Man werde oft aufs „Hinternputzen“ reduziert. Dabei sei die Altenpflege viel mehr als das. Und trotzdem – oder gerade deswegen – macht Sonja ihren Beruf nach wie vor gerne: „Ich bin froh diese Arbeit zu haben und könnte mir auch nicht mehr vorstellen etwas Anderes zu machen“. Nur an Image und Bezahlung müsse sich ganz schnell etwas ändern.

Der Rettungssanitäter

Seit März 2020 im täglichen Ausnahmezustand sind auch Tausende Mitarbeiter von Rotem Kreuz, Samariterbund und weiteren Hilfsorganisationen in Oberösterreich. Angestellte wie Ehrenamtliche leisten Sonderschicht um Sonderschicht: sie führen Corona-Tests durch, helfen in den Impfstraßen und fahren hochinfektiöse Patienten ins Krankenhaus. Und das alles neben den anderen täglichen Aufgaben wie zum Beispiel Rettungsdienst, Krankentransport und Essen auf Rädern.

Immer mehr freiwillige, aber auch hauptamtliche Kräfte werfen jetzt das Handtuch, schildert uns Michael. Er hat vor mehr als sechs Jahren als Zivildiener beim Roten Kreuz angefangen. Und ist als ehrenamtlicher Helfer dabeigeblieben. „Der Rettungsdienst war für mich stets ein Ausgleich zum Alltag, weil man live vor Ort Menschen in Not helfen kann“. Die Arbeit mit seinen Kolleginnen und Kollegen habe ihm auch immer Spaß gemacht.

Zu Beginn der Corona-Welle habe man zusammengeholfen und sich bemüht, bald wieder aus der Krise herauszukommen. Jetzt, nach eineinhalb Jahren Corona- Pandemie ist Michael frustriert. „Mir macht der ehrenamtliche Rettungsdienst keinen Spaß mehr, und ich kann mich schlichtweg nicht mehr dazu motivieren Nachtdienste neben der täglichen Arbeit zu machen.“

Und er sei damit nicht alleine, schreibt uns Rettungssanitäter Michael. Immer mehr seiner Kolleginnen und Kollegen würden die rote Jacke an den Nagel hängen und keine Dienste mehr machen. „Ich kann nur davon berichten, dass das Rote Kreuz massiv darunter leidet, dass Personen wie ich keine Dienste mehr machen, weil uns die Lust vergangen ist. Dadurch sind die Dienstautos oft unbesetzt, da ein Mangel an Ehrenamtlichen entstanden ist.“ Und in der derzeitigen Lage sei es auch kaum möglich, neue Ehrenamtliche zu finden. Auch er sei mit dem freiwilligen Engagement beim Roten Kreuz mittlerweile an seine persönlichen Grenzen gestoßen, so der Sanitäter.

Fünf Geschichten von fünf Betroffenen, die die dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie in Oberösterreich jeden Tag hautnah miterleben. Mit ihren Sorgen, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung stehen sie stellvertretend für die vielen Tausend Menschen, Tag für Tag aufs Neue gegen die Folgen der Corona-Krise kämpfen. An vorderster Front in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und Testzentren des Landes. Aber auch im Hintergrund: zum Beispiel in Behörden, am Gesundheitstelefon oder in Sozialeinrichtungen. Ihnen eine Stimme zu geben war uns wichtig. Auch wenn das nur schriftlich und mit veränderten Namen geht. Damit sie für ihre aufrüttelnden Worte nicht auch noch Ärger mit ihren Arbeitgebern bekommen.

Eine Ärztin aus dem Kepler Uniklinikum schreibt:

"SARS CoV2 beansprucht unsere personellen und räumlichen Ressourcen seit dieser Woche massiv. Das betrifft sowohl den stationären als auch den ambulanten Bereich.
Wir müssen unser Routineprogramm drastisch reduzieren. Das bedeutet, dass wir Termine von chronisch kranken Menschen derzeit ersatzlos absagen müssen. Dies geschieht unabhängig vom Impfstatus, da wir über diesen keine Kenntnis haben. Als ÄrztIinnen macht uns das sehr betroffen, da dieser Umstand bedeutet, dass wir aktiv und wissentlich den Patienten nicht die hochqualifizierte Versorgung anbieten können, auf die wir im Normalfall stolz sind."

Daniel Kortschak

Die Schilderungen von Intensiv-Krankenpflegerin Martina im vollen Wortlaut

Martina arbeitet in Linz auf einer Intensivstation. Nach einem 12-Stunden-Dienst hat sie uns Einblick in ihren Gemütszustand gegeben:

Wenn dich eine Hand festhält, Tränen aus den Augen kullern und ein hilfesuchender  Blick dich durchdringt...

Wenn er nicht mehr sprechen kann, weil die Atemnot ihm die Worte nimmt...

Wenn Kinder weinend vor der Glasscheibe stehen...

Wenn die Zeit fehlt um Angehörige zu begleiten... 

Wenn Maschinen arlamieren und du machtlos daneben stehst...

Wenn das Gesicht eines Menschen auf Grund von Bauchlagerung, Schläuche und Kabel offen und verwundet ist...

Wenn aus zugeschwollene Augen Tränen laufen...

Wenn Menschen nicht mehr wissen was passiert und immer wieder verzweifelt aufschreien...

Wenn man ständig auf "später" vertrösten muss...

Wenn du versuchst mit der richtigen Medikamentendosierung den Menschen die Todesangst zu nehmen. 

Wenn du den Überlebenskampf hautnah miterlebst...

Wenn der Tod dein ständiger Begleiter ist... 

Wenn du mit 3 paar Handschuhen vergeblich versuchst ein TouchPad zu bedienen... 

Wenn der Schweiß in den Hosenbeinen nach unten läuft... 

Wenn deine Hände ganz schrumpelig sind nachdem du die Schutzkleidung abgelegt hast... 

Wenn du lieber nicht zu viel trinkst, um nicht aufs WC zu müssen...

Wenn du dir nicht sicher bist, ob du diesen Job weiterhin noch schaffen wirst... 

Wenn du ein Schluchzen zurückhältst um weiterhin professionell zu bleiben... 

Wenn es eine Impfung geben würde und du einfach nicht verstehen kannst warum Menschen sich und ihr Gegenüber nicht schützen wollen... 

... dann bist du als Intensivpflegerin auf der Covid-Station.